Adolf Böttger (1815 bis 1870)



Osterlied

Die Glocken läuten das Ostern ein
In allen Enden und Landen,
Und fromme Herzen jubeln darein:
Der Lenz ist wieder erstanden!

Es atmet der Wald, die Erde treibt
Und kleidet sich lachend in Moose,
Und aus den schönen Augen reibt
Den Schlaf sich erwachend die Rose.

Das schaffende Licht, es flammt und kreist
Und sprengt die fesselnde Hülle;
Und über den Wassern schwebt der Geist
Unendlicher Liebesfülle.


Stavoren

Im Südersee gen Westen lag mitten auf dem Meer
Ein Eiland grün und blühend, wie keines rund umher;
Drauf ragt die Stadt Stavoren, an Gold und Silber reich,
Die größte aller Städte, sie kommen ihr nicht gleich.

Einst lebte dort und schwelgte ein schmuckes Mägdelein,
Wohl mochte keines reicher und keines schöner sein,
Sie hatte Land und Schlösser und Leute treu und gut,
Da kam wohl in das Fräulein der arge Übermut.

Mehr Schätze aufzuhäufen, das war ihr einzig Ziel,
Die Armen zu verspotten ihr allerliebstes Spiel,
Und höhnen, lästern, fluchen, das war der Jungfrau Brauch,
Ach! leider taten viele der Stadt ein Gleiches auch.

Oft ging sie längs dem Strande zu ihrem Schiffer hin:
"Fahr' aus nach fernem Lande und bring' nach meinem Sinn
Mir eine reiche Ladung des Edelsten nach Haus!"
Da sinnt und denkt der Schiffer: "Was such ich Edles aus?"

Zu Danzig auf dem Markte, beim kühlen, gold'nen Born,
Da liegen zum Verkaufe viel Säcke Mais und Korn:
"Ja, diese Gottesgabe ist edel wohl und gut!"
Drum füllt mit Korn der Alte das Schiff mit frohem Mut.

Kehrt wieder nach Stavoren zu der Gebieterin.
"Nein, sag' mir, alter Schiffer, was kam dir in den Sinn?
In Afrika, so meint' ich, läufst du im Hafen ein,
Und handelst treu und bieder um Gold und Elfenbein!"

"Mein Fräulein, meine Herrin, verzeiht dem Schiffersmann,
Ich landete nicht ferne in Danzigs Hafen an,
Zu Danzig auf dem Markte, beim kühlen, gold'nen Born,
Da kauft' ich tausend Säcke mit Weizen und mit Korn."

"Und brachtest du mir Weizen, so sag' ich dir zur Stund':
Du schüttest mir die Ladung tief in den Meeresgrund."
Der Mann erbleicht: "O ladet nicht auf euch Gottes Zorn,
Ist doch des Herren Gabe das kleinste Samenkorn."

Und sie befahl zum Zweiten, da nahten arme Leut'
Und baten um Erbarmen und um Barmherzigkeit;
Sie weinten und sie baten, sie flehten auf den Knie'n"
Allein das harte Fräulein tät kalt vorüberziehn.

Und sie gebot zum Dritten, da trat der Schiffer vor
Und sprach und rang die Hände und hob sie hoch empor:
"Du ladest Fluch und Sünde, Verzweiflung auf dein Haupt,
Wirst künftig daran darben, was jetzt die Woge raubt."

"So wahr ich nimmer wieder das gold'ne Ringlein seh',
Das ich vor euren Augen hinwerfe in die See,
So wahr wird fern mir bleiben wohl bis an meinem Tod,
Was ihr mir sagt von Elend, Verzweiflung, Fluch und Not."

Das Ringlein flog hinunter, und auch der Weizen sank,
Er wirbelt auf und nieder bei einer sand'gen Bank; -
Doch als am andern Morgen das Fräulein saß zu Tisch,
Fand sie zum höchsten Schrecken den Ring in einem Fisch.

Das war das erste Zeichen, nun folgte Schlag auf Schlag:
Der Fluch des vor'gen Tages war Fluch dem neuen Tag;
Es floh der Stolz, der Reichtum, und Elend kam und Not,
Und fluchend und verzweifelnd starb sie den Hungertod.

Im Lenze ging der Weizen hoch auf wie Gras und Ried,
Doch fruchtlos blieb er immer, wenn auch der Sommer schied.
Die Leute in Stavoren, sie sah'n das Wunder auch,
Doch lebten sie in Sünden nach ihrem alten Brauch.

Da kam die schwere Strafe: wohl einstmals über Nacht,
Da sank die Stadt Stavoren zum Teil in Meeresschacht,
Und aber sank ein Stücke, und noch ein Stücke sank,
So fand durch Schuld und Frevel die Stadt den Untergang.

Und noch alljährlich stürzen dort kleine Hütten ein,
Auch mag in diesen Hütten kein Fried' und Segen sein.
Drum stehn sie so verlassen, von außen still und tot,
Doch innen wütet Elend, Verzweiflung, Fluch und Not.

Und noch schießt aus dem Meere im Frühling Gras und Ried,
Doch fruchtlos bleibt es immer, wenn auch der Sommer schied.
Die Sandbank, wo es sprosset, die ist im ganzen Land
Nach jener Schreckenssage genannt der Frauensand.


Was dich erfreut, was dich bewegt

Was dich erfreut, was dich bewegt,
Verschließ es treu in deiner Brust,
Der scheelen Blicke Neid erregt
Des Frohsinns blumenheitre Lust.

Das Herz, von Liebe still umhegt,
Treibt Blüt' und Früchte fort und fort,
Die keines Wetters Blitz zerschlägt,
Die keine Sommerschwüle dorrt,

Mit einer Seele, die dich liebt,
Erhaben über Menschenstreit,
Genieße, was die Erde gibt,
In seliger Verborgenheit.