Max Dauthendey (1867 bis 1918)



Am Berg wärmt die Sonne das Maiengrün

Am Berg wärmt die Sonne das Maiengrün
Und selbst der alltägliche Himmel will blühn.
Er wird stündlich größer und tiefer und kühn,
Zieht Bäume und Menschen zu sich hinauf.
Aller Sehnsucht fällt wie ein Schuß aus dem Lauf,
Und Keiner hält mehr die Liebe auf.


April spricht Geistersprache

April spricht Geistersprache.
Wie ein Vergoldermeister
Sitzt er am Nachbardache,
Spritzt Goldschaum auf Taube und Tauber,
Beklebt die Zimmer lichtsauber,
Belebt die Fenstergardinen,
Den Staub auf alten Tischen,
Vergoldet Falten und Mienen,
Sein Zauber will nie mehr verwischen.
Auf meinen Stühlen sitzt still,
Ich seh' ihn mit blumigen Gliedern,
Ein Geist von Liebesliedern,
Der dreist erlöst sein will.


Das Blut bleibt still mir stehen

Gesträubte Bäume stehen mit hagern Zweigen,
Bestäubte Berge lagern am pechschwarzen Fluß.
Wolken gehen und steigen
Wie Feuer, Rauch und Ruß.

Im Wind eine Silberpappel
Muß ihre Blätter drehen,
Daß sie wie weiße Augen
Blind in das Chaos sehen.

Das Blut bleibt still mir stehen,
Es scheint, daß die Himmel zerreißen,
Vor der Sehnsucht Wehen.


Das Dunkel sitzt in den Toren

Zur Nachtzeit wachsen den Gassen,
Den Winkeln heimliche Ohren.
Das Dunkel steht gelassen
Und horchend unter Toren.

Denn was die Füße der Leute,
Die übers Pflaster klappern,
Am Tage schwätzten heute,
Das möchten die Steine plappern.

Dann hörst Du Schritte um Ecken,
Und niemand kommt gegangen.
Es spielen da Schritte Verstecken,
Schritte, die längst verklangen.

Hörst einen hastig rennen,
Als möchte sein Leben sich sputen.
Du kannst sein Seufzen erkennen,
Als müßten die Füße ihm bluten.

Hörst leichte trippelnde Sohlen,
Die möchten gar nicht eilen;
Und schwere folgen verstohlen,
Mit ihnen das Pflaster zu teilen.

Das Dunkel sitzt in den Toren,
Und tote Schritte rauschen.
Das Dunkel ist voller Ohren
Und möchte vom Tag was erlauschen.


Das Feuer will gebären

Mohnblumen rot umgehen,
Wie Feuerfahnen wehen.
Es trutzt des Stieres Horn,
Voll Brand ist jeder Dorn.

Am Himmel wogt ein Blitzen,
Ein Zünden und Verheeren.
Das Feuer will sich mehren
Und will nicht stille sitzen.

Die schwülen Wolken schwären,
Die Wolken um sich schlagen,
Und Feuersbrünste ragen -
Das Feuer will gebären.


Das Heu liegt tot am Wege

Das Heu liegt tot am Wege,
Wir gingen ohne zu sehen,
Und Amselsang im Gehege,
Wir hörten es kaum im Gehen.

Wir waren still wie Erde,
Wie zwei, die man begraben;
Unsere Seelen mit dunkler Gebärde
Durchzogen den Himmel wie Raben.


Das kranke Mädchen

Des jungen Mondes Spitze ist so schlank.
Wenn ich vor meiner Türe sitze,
Wird' ich von feinem Lichte krank.

Durchs offne Fenster kommt zur Juninacht
Heuduft ans Bett mir wie Gespenster
Und hat das Seufzen mitgebracht.

Der Mond ist weißer noch als Kreide -
Ich muß vor Angst die Finger falten -
Möcht' morgen meine Hände beide
Nur unter Rosenbäume halten.


Der Jungrosen Dorn

Als ob von Freude ein Regen fiel,
Ist jetzt an grünen Dornen
Der wilden Rosen Spiel.

Sie hängen an allen Wegen
Mit Lachen und leichtem Drängen,
Als ob verschämte Gedanken
Mädchen verlegen machen.

Aber der Jungrosen Dorn
Ist weich noch. Will er Dein Blut,
Nimmt er's im Übermut,
Und lachend ist sein Zorn.


Der Mond, der ohne Wärme lacht

Drüben über dem Fluß in der Nacht
Schwimmen die Berge im mondigen Nebel.

Im Fluß, im dunkeln, da funkeln lacht
Die helle Wellen in grellen Kreisen.

Im Himmel steht, großes Feuer entfacht -
Der Mond, der ohne Wärme lacht,

Wie einer, den Liebe längst umgebracht.
Nun lebt er noch als Geist bedacht.


Der Regen scheint besessen

Ich hör' den Regen dreschen
Und übers Pflaster fegen.
Der Regen scheint besessen
Und will die Welt auffressen.

Ich muß mich näher legen
Ins Bett zu meiner Frauen.
Wird sich ihr Äuglein regen,
Kann ich ins Blaue schauen.


Der Regen wandert über den Fluß

Der Regen wandert über den Fluß,
Und Wasser durchs Wasser waten muß.
Es ist, als schwimmen die Ufer fort,
So triefend stehen die Berge dort.
Und Regen und Fluß durchs Land hingehn
Und können ihr eigenes Ende nicht seh'n.
So wanderten Sehnsucht und Blut oft zusammen
Und alle Ufer überschwammen.


Die Baumstämme werden wie Menschen jetzt warm

Die Baumstämme werden wie Menschen jetzt warm,
Sie nehmen den Sonnenschein gern in den Arm.
Der Schnee rund um den Stamm entweicht,
Soweit des Baumes Wurzel reicht.
Die Schneeglocken hocken da rund in Scharen
Begrüßt von den Staren.
Auf graslosem Boden blaß Keim bei Keim,
Beim fahlen Baum duftet's nach Honigseim,
Es duftet nach Liebe, dem Frost entronnen,
Erste Blüte und letzter Schnee sich dort sonnen.


Die Krähe

Es stehen die Bäume wie Sommerlauben,
Die Gräser wehen, und über die Felder voll Ähren
Gehen die Scharen der wilden Tauben.
Zwei schwarze Krähen blähen ihr finster Gefieder
Und stürzen versteckt zum Acker nieder.
Es blühen dunkelrot Kleeblüten am Wege,
Die leiden nicht an Honig Not.
Am Himmel glüht sich die Sonne tot
Und backt die Ähre und sorgt für Brot.
Das Herz ist wie eine Sommertaube,
Es schwimmt überm Staube selig und träge.
Leicht wird's von der Leidenschaft hingestreckt
Wie von einer Krähe, die Taubenblut leckt.


Die Lerchen schliefen schon im Feld

Die Sonne war wieder einmal am Ziel.
Wie ein Apfel, der golden ins Dunkel fiel,
So löste sie sich aus den Wolken los
Und sank den Hügeln in den Schoß.

Die Lerchen schliefen schon im Feld.
Wir gingen einsam durch die Welt
Mit Lippen und mit Wangen rot;
Die kannten weder Schlaf noch Tod.

Ein Vogel jählings schrie im Schlaf,
Sein Ruf uns beide schreckhaft traf,
Wie ein Gedank', der aufgewacht,
Einer, der Angst hat vor der Nacht.

Die Fledermaus, die kreuzte vorbei,
Und immer einsamer gingen wir zwei.
Der Wald und Acker schrumpften ein,
Und alles ward im Dunkel klein.

Wir fühlten plötzlich wunderbar,
Daß jeder Halm entschlummert war,
Und dachten beide darüber nach:
Warum bleibt stets die Sehnsucht wach.


Die Luft ist voll Kommen und Gehen

Die blühenden blauen Kornraden,
Sie fielen mit den Ähren;
Das Korn liegt still in Schwaden
Im Sonnenschein, im schweren.

Kaum ein paar kurze Wochen
Sind die Felder glühend zu sehen;
Gleich muß die Sense dann pochen,
Und Stoppeln bleiben kalt stehen.

Wenn Augenblicke erwarmen,
Fühlt ihren Atem kaum wehen,
Da entsinken sie schon unsern Armen -
Die Luft ist voll Kommen und Gehen.


Die Mittagsstund'

Im Zimmer, im trägen und stummen,
Hör' ich die Mittagsstund' summen,
Als gurrt eine Taube im Kropfe,
Als kocht man den Sommer im Topfe.
Und ferner Sommer Gespenster
Besuchen Dich glühend am Fenster,
Und manch' einer möchte gern bleiben
Und hängt sich verliebt an die Scheiben.
Von Sommer, die heiß hereinlugen,
Kracht's Fensterbrett laut in den Fugen;
Und auch eine Fliege, die brummt,
Die alle Sommer schon summt,
Sie singt von der Wollust ohn' Ruh'
Und von allen Sommern dazu.


Die Scharen von mächtigen Raben

Es fliegen im Abend tief über die Ähren
Die Scharen von mächtigen Raben
Wie Geheimnisse lautlos, die sich begraben,
Wie Gedanken, die sich im Zwielicht mehren.

Und es hängen die Ähren zum Straßengraben,
Als ob sie Sehnsucht nach Menschen haben.
Es steht noch ein Mäher im Klee im dunkeln;
Du hörst nicht die Sense, Du siehst nur das Funkeln.

Es huscht noch ein Vogel schnell in die Hecke,
Die Feldwege schlängeln sich hinter Verstecke.
Die Raben kreisen und machen Runden,
Tauchen unter und sind in der Erde verschwunden.


Die Schwalben, die abends im Äther spielen

Die Schwalben, die abends im Äther spielen
Wie Pfeile, die in die Sonne zielen,
Die Schwalben, die freien und sehnsuchtschlanken,
Sind wie der Menschen verliebte Gedanken.

Die Schwalben, die abends im Äther spielen
Wie Wünsche, die nie noch zur Erde fielen,
Sind ruhlos wie Blicke der Liebeskranken,
Die Schwalben, die freien und sehnsuchtschlanken.


Die Silberpappeln stehn hitzeschwer

Die Silberpappeln stehn hitzeschwer,
Wie Augen zucken die Blätter und schauen;
Drunter die Straße ist blendend leer,
Drauf wandert die Sonne wies brennende Grauen.

Verliebtestes Herz, Du guckst umher,
Demütig voll Staub,
Dürr und voll Glut,
Ob sich die Erde nicht öffnen tut,
Daß einmal für immer die Unruhe ruht.


Die Welt hämmert weiter wie Spechte

Der Schierling spinnt sich über das Gras,
Die Blüte fliegt ab, die am Baum lustig saß.
Die Erde wird grün wie ein Lampenschirm,
Und kühn tritt der Sommer hin vor die Rampen.
Kaum saß ich am Weg den Zweck mal vergaß
Und unter dem Flieder beim Maikäfer saß,
Gleich sind sie verflogen die zwitschernden Nächte.
Wenn nicht ein Verliebter in Reime sie brächte,
Die Welt hämmert' weiter wie Spechte.


Die Wolken lehren dem Sommer das Fliegen

Naß liegen Kornfelder wie nasse Strohmatten,
Es ziehen die Wolken im Abend heim,
Wie Wälder, die durch die Lüfte fliehen,
Wälder voll Geister und Schatten.

Das korndürre Tal und den Fluß sie schauen,
Sie liegen am Himmel wie bei einem See.
Die Wolken lehren dem Sommer das Fliegen;
Viel Sommer sind schon in die Lüfte gestiegen,
Auf Wolken über die Auen.

Sie reiten wie die Toten vorüber,
Denen die Herzen starr stille stehen.
Doch Lippen, die jungen sommerroten,
Küssen, werden die Tage auch trüber.


Ein Regen ist kalt durch den Tag gegangen

Viele Wolken halten den Abend umfangen,
Viele dunkle Falten vom Himmel hangen.
Ein Regen ist kalt durch den Tag gegangen,
Und Stille macht Halt, ernst, ohne Bewegen.

Der Abend will sich gern niederlegen,
Die Berge reichen den Rücken hin,
Und jeder Stein will dem Dunkel sich bücken,
Dem Abend und seinem geheimen Sinn.


Fledermäuse

Der Sommerabend mit Hell und Dunkel,
Mit Wolken wie ein geflecktes Fell
Und seinem unklaren Gemunkel
Steht wie auf Zehen auf einer Stell.

Schnell über die Köpfe der Bäume gehen
Zwei Fledermäuse im irrem Kreise.
Sie flattern, als ob sie Gedanken mähen,
Die da vom Tag in den Lüften stehen.
Sie köpfen das, was ungesehen,
Was leise blieb und ungeschehen,
Und girren darum als irrender Dieb
Und umflirren, was tagsüber dunkel blieb.


Heut es kein Abend werden will

Heut es kein Abend werden will,
In alle Gassen hinein
Steht noch der Frühlingstag still.
Und der Laternen funkelnde Reih'n
Ziehen im letzten Tagesschein
Wie in die Halle des Himmels ein.

Seht auch, es glänzen im Grau
Die Steine der Straßen noch blau.
Der Tag will den Stein nicht verlassen;
Er will ihn als Edelstein fassen,
Weil die Menschen darüber gegangen,
Die Menschen zu zwein und mit glühenden Wangen.


Im Spiegelglas

Sie hält den Spiegel,
Daß ihr Gesicht zum Glas hinfällt.
Und ihre gehobene Hand
Stellt Kämme ins Haar.
Das Haar bebt gewellt.

Wenn sie den Arm zum Kopf hochhebt,
Lebt ihres Kleides Samt
In Falt' und Wogen
Um die Gestalt.

Als lauscht sie auf Gras,
Das im Spiegelglas wächst,
Scheint sie vom Spiegel
Weit fortgezogen.

Bis sie langsam vergißt
Und nicht mehr weiß,
Woher sie kam und wer sie ist.

Dann sinkt die Hand mit dem Spiegel lahm.
Sie steht sich stumm
Errötend um,
Wie eine, die geheim gelogen.


Im Tal geht die Straße der Dämmerung nach

Im Tal geht die Straße der Dämmerung nach,
Und Wolken und Bäume und Felder
Umfangen den Abend als stilles Gemach.
Der Mond steht hinter Laubwerk verhangen,
Wie ein golden Fenster, das aufgegangen;
Schräg oben an grünender Hügelwand
Steht das Fenster offen und leuchtet ins Land.
Das Gras sich sacht im Taue feuchtet,
Und durch das Dunkel, das laue,
Scheint ein Holunderbaum
Wie ein Geist ins Graue,
Als beschwört er ein Wunder.
Mit hellen Blüten gleißt er an des Weges Saum,
Am Weg, der in das Dunkel weist,
Ins Dunkel, wo mit dem Herz voll Rubinen
Die Liebste Dich speist.


Jetzt ganz im stillen die Felder reifen

Nun beugen sich im Feld die Ähren,
Und junge Äpfel die Zweige beschweren,
Rote Kirschen sitzen im Baum und lachen;
Kannst Freude schmecken und 's Auge zumachen.

Jetzt ganz im stillen die Felder reifen,
Und Feld und Garten mit Früchten sich streifen.
Die Erde will in die Breite gehen,
Hat geliebt und kann keinen hungern sehen.


Leiden weinen ohne Tränen

Winter in der Brust,
Und durch argen Schnee
Müssen die Gedanken
Und durch Nebelblust,
Drinnen Krähen zanken.

Und doch stehen drunten
In den Sommerbeeten
Stolz die bunten Rosen,
Als ob nie und nimmer
Sie vergehen täten.

Winter in der Brust
Und der Sorgen Wust.
Muß vom toten Gestern
Blut mir borgen für das Morgen.
Tausend Nöte gähnen,
Und es meiden mich
Selbst des Trostes Schwestern -
Meine Leiden weinen ohne Tränen.


Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht

Wie Blicke, die ins Dunkel fliehen,
Ist dort im Abendlaub ein sacht Gefunkel -
Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht.

Ich möchte mich ins Gras hinknieen
Still wie ein Schäfer, der die Welt vergißt
Und nur ein Traum bei hellen Blicken ist,
Von denen keiner Dir am Tage lacht;
Die nur in vager Heimlichkeit entstehen
Und über schwüle Abendwiesen gehen,
Von einer heißen Nacht zur Welt gebracht.
Ich hab' zu jenen Blicken ein Gesicht erdacht
Von zager Schönheit, daß der Tag nicht wagt
Mehr aufzusehen, und allein die Nacht
Tastend mit sachten Lichtern sucht und fragt.


Maimond

Maimond schwebt über dem Fluß
Und liegt mir glatt vor dem Fuß.
Das Wasser rückt nicht von der Stelle
Und lugt nur hinauf in die Helle.

Ich schau' übers Flußbett hinüber -
Ein Lied schlägt die Brücke herüber,
Es lacht eine Nachtigall
Eine Brücke aus Freude und Schall.

Es regt sich der Nachtwind im Laub -
Es fiel ein Gedanke zum Staub -
Maimond aus vergangen Jahren
Liegt streichelnd auf alternden Haaren.

Maimond zog mich hin mit Verzücken
Sacht über die singende Brücken,
Und jünger wurde mein Gang,
Solange die Nachtigall sang.


Nicht mal die Espe rührt sich

Nicht mal die Espe rührt sich,
Senkrecht und still stand auch das Gras,
Stille auf jedem Blättlein saß,
Und nur mein Herz spürte mich.

Voll Butterblumen hing ein Hang,
Aus jedem Stein ein Blümlein drang,
Jed' goldgelb Kelch gar unverwandt
Wie helle Lieb' im Grünen stand.

Mein Auge lang die Freude sog,
Indes mein Herze Zwiesprach pflog.


Nun scheint der Sommer immergrün

Nun scheint der Sommer immergrün,
Das ist ein Staub und ein Bemühn,
Als müßt er wiederkäuend bleiben.
So ganz robust ist jetzt sein Treiben
Und alle Bäume sich beleiben.
Sie sind wie bürgerliche Wichte,
Denen das Dicksein eine Ehre.
Als ob man täglich sich verpflichte,
Daß sichs Unendliche vermehre.

Doch Gott sei dank, daß die Geschichte
Mit jedem Winter jäh sich wendet
Und sich das Dasein stolz verschwendet,
Und Leidenschaft nie satt verendet.
Daß Sonne wie Zigeunerblut
Alljährlich neue Torheit tut.
Und, in der Erde braunem Arm,
Die Engerlinge still und stumm
Schon träumen von dem Maigesumm,
Als nächster Maienkäferschwarm.


Schimäre

Schimäre ritt im Sturm heut an das Haus;
Sie kam auf einem wilden Rasselwurm,
Der preßte einer ganzen Landschaft
Die fromme Sommerseele aus.

Als sie durch die geschlossnen Türen und die Wände ritt,
Hob sie das Haus auf ihre Hände und nahm es mit.
Schimäre trug es mit Gebraus in ferne Breiten,
Und auch in fremde ferne Zeiten trug sie mein Haus.
Wie eine Fähre schwamm es durch Jahrhunderte,
Und lachend sah ich drin mit meinem Lieb heraus,
Doch war nichts auf der Welt, nichts, was uns wunderte.


Stets sind Gespräche im Wald

Stets sind Gespräche im Wald:
Bald winkt Dir ein Blatt,
Das Dir etwas zu deuten hat.
Bald sitzt ein Käfer an Deinem Ärmel und blinkt.
Sein Flügelein blitzt wie ein Liebesgedanke,
Der augenblicklich wieder versinkt.
Die Mücke singend ums Ohr Dir schwebt,
Wie Sehnsucht, die vom Blute lebt,
Und Dir von Deinen Poren trinkt.
Wo der Wald sich lichtet,
Steht ungeschlachten Scheitholz geschichtet,
Weht Rindengeruch, der von Bränden dichtet.
Bleibt in den Kleidern Dir lang noch hocken,
Als will es Dich in ein Feuer locken.


Waldbäume

In des Waldes grauen und grünen Hallen
Sind Stimmen, die aus der Höhe fallen,
Sind Sänger, die hoch in den Himmel sich strecken,
Waldbäume sind singende Recken.

Es leben dort Lieder in grünen Bänden,
Die Recken tragen die Lieder auf Händen.
Die Bände murmeln mit Blätterzungen
Von dem, was der Wald von der Liebe gesungen.

Wie Lippen, die nie stille stehen,
Die Lieder durch die Blätter gehen.
Und immer neuen Liedern winken
Waldbäume, bis ihre Blätter sinken.


Weit über den Fluß haben jede Nacht verliebte Nachtigallen gelacht

Es endet selbst nicht zur nächtlichen Zeit
Im Maien der freiende Liebesstreit.
Weit über den Fluß haben jede Nacht
Verliebte Nachtigallen gelacht,
Hat des Faulbaums Blüte gefächelt,
Hat die Milchstraß' am Himmel wie voll Mädchen gelächelt.
Da bin ich hinunter an Ufer gegangen,
Es hielten die Wellen sich buhlend umfangen;
Ich sah übern Fluß in die Berge hinein,
Kein Berg wollte nächtlich verschlossen sein.
Es standen am Ufer voll Lichter
Fenster mit Glanz, wie entzückte Gesichter,
Und es schien mir auf Erd' und im Himmel ein Tanz,
Selbst Gottvater war Tänzer und nicht mehr Richter.


Wenn dich meine Wiesen

Möchte Deinen Leib
Keinen Garten nennen,
Wo sich Blum' und Mensch
Nur vom Sehen kennen.
Möchte Deinen Leib
Nennen meine Wiesen,
Wo Heilwurzeln würzig
Und Labkräutlein sprießen.

Winzig kleine Blüten,
Kaum sichtbar wie Sterne,
Hausen dort urwüchsig,
Wirken stark zur Ferne.
Darf mich dort zum Schlummer
In den Glücksklee legen,
Er vertreibt den Kummer.

Nie in einem Garten
Könnt' ich in den Beeten
Ruhen in den harten.
Nenn Dich meine Wiesen,
Wo mit Kraft und Freude
Herzerquickend sprießen.


Zwei schwarze Raben

Zwei schwarze Raben streichen
Geduckt am Acker hin,
Ihr Flug ist wie voll Zeichen
Und voll geheimen Sinn,
Als wollten Dämonen entweichen.

Die Himmel plötzlich klopfen
Auf Steine und auf Staub,
Aus Wolken fallen Tropfen
Und blättern in dem Laub.

Wie finstre Tarnenkappen
Drin eins versteckt sich hält,
Fällt Rab' und Rab' ins Feld.

Die Tropfen im Himmel stocken,
Die Raben hüpfen und hocken -
Lieb' und Hunger umlungern die Welt.