Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Auersperg, 1808 bis 1876)



Am Strande

Auf hochgestapelte Ballen blickt
Der Kaufherr mit Ergötzen;
Ein armer Fischer daneben flickt
Betrübt an zerrissenen Netzen.

Manch rüstig stolz bewimpelt Schiff!
Manch morsches Wrack im Sande;
Der Hafen hier und dort das Riff,
Jetzt Flut, jetzt Ebb' am Strande.

Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
Hier Schweigen, dorten Lieder,
Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
Die Segel auf und nieder!

Zwei Jungfrau'n sitzen am Meeresstrand:
Die eine weint in die Fluten,
Die andre mit dem Kranz in der Hand
Wirft Rosen in die Fluten.

Die eine, trüber Wehmut Bild,
Stöhnt mit geheimem Beben:
"O Meer, o Meer, so trüb' und wild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!"

Die andre, lichter Freude Bild,
Jauchzt selig lächelnd daneben:
"O Meer, o Meer, so licht und mild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!"

Fort braust das Meer und überklingt
Das Jauchzen wie das Stöhnen;
Fort wogt das Meer, und ach! verschlingt
Die Rosen wie die Tränen.


Botenart

Der Graf kehrt heim vom Festturnei,
Da wollt an ihm sein Knecht vorbei.

"Holla, woher des Wegs? Sag' an!
Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn?"

"Ich wandle, daß der Leib gedeih',
"Ein Wohnhaus such' ich mir nebenbei."

"Ein Wohnhaus? Nun, sprich g'rad heraus,
"Was ist gescheh'n bei uns zu Haus?" -

"Nichts sonderlich's! Nur todeswund
"Liegt euer kleiner weißer Hund."

"Mein treues Hündchen todeswund!
"Sprich, wie begab sich's mit dem Hund?" -

"Im Schreck eu'r Leibroß auf ihn sprang,
"Drauf lief's in den Strom, der es verschlang." -

"Mein schönes Roß, des Stalles Zier!
Wovon erschrak das armen Tier?" -

"Besinn' ich mich recht, erschrak's davon,
"Als von dem Fenster stürzt' eu'r Sohn." -

"Mein Sohn! Doch blieb er unverletzt?
"Wohl pflegt mein süßes Weib ihn jetzt?" -

"Die Gräfin rührte stracks der Schlag,
"Als vor ihr des Herrleins Leichnam lag." -

"Warum bei solchem Jammer und Graus,
"Du Schlingel, hütest du nicht das Haus?" -

"Das Haus? Ei, welches meint ihr wohl?
"Das eure liegt in Asch' und Kohl'.

"Die Leichenfrau schlief ein an der Bahr'
"Und Feuer fing ihr Kleid und Haar.

"Und Schloß und Stall verlodert' im Wind!
"Dazu das ganze Hausgesind!

"Nur mich hat das Schicksal aufgespart,
"Euch's vorzubringen auf gute Art."


Das Blatt im Buche

Ich hab' eine alte Muhme,
Die ein altes Büchlein hat,
Es liegt in dem alten Buche
Ein altes, dürres Blatt.

So dürr sind wohl auch die Hände,
Die einst im Lenz ihr's gepflückt.
Was mag doch die Alte haben?
Sie weint, so oft sie's erblickt.


Der treu Gefährde

Ich hatt' einst einen Genossen treu,
Wo ich war, war er auch dabei;
Blieb ich daheim, ging er nicht aus,
Und ging ich fort, blieb er nicht zu Haus.

Er trank aus einem Glas mit mir,
Er schlief in einem Bett mit mir,
Wir trugen die Kleider nach einem Schnitt,
Ja selbst zum Liebchen nahm ich ihn mit.

Und als mich's jüngst nach den Bergen zog,
Und Stab und Bündel im Arm ich wog,
Da sprach der treue Geselle gleich:
Mit Gunsten, Freund, ich geh' mit euch!

Wir wallen still hinaus zum Tor,
Die Bäume streben frisch empor,
Die Lüfte bringen uns warmen Gruß -
Da schüttelt der Freund den Kopf mit Verdruß.

Im Äther jauchzt der Lerchenchor,
Da hält er zugepreßt sein Ohr;
Süß duftet dort das Rosengesträuch,
Da wird er schwindlig und totenbleich.

Und als wir stiegen den Berg hinan,
Verlor den Atem der alte Mann;
Ich wallt' empor mit leuchtendem Blick,
Doch er blieb keuchend unten zurück.

Ich aber stand jauchzend ganz allein
Am Bergesgipfel im Sonnenschein;
Rings grüne Tristen und Blumenduft,
Und wirbelnde Lerchen und Bergesluft.

Und als ich wieder zu Tale gewallt,
Da stieß ich auf eine Leiche bald;
O weg, er ist's! Tot liegt er hier,
Der einst der treu'ste Gefährde mir!

Da ließ ich graben ein tiefes Grab
Und senkte die Leiche still hinab;
Drauf setz't ich einen Leichenstein
Und grub die Wort' als Inschrift ein:

Hier ruht mein treu'ster Genoß im Land,
Herr Hypochonder zubenannt,
Er starb an frischer Bergesluft,
An Lerchenschlag und Rosenduft!

Sonst wünsch' ich ihm alles Glück und Heil:
Die ew'ge Ruhe wird' ihm zu teil;
Nur wahr' mich Gott vor'm Wiedersehn
Und seinem fröhlichen Auferstehn!


Die Martinswand, Ostermontag 1490

Willkommen, Tirolerherzen, die ihr so bieder schlagt!
Willkommen, Tirolergletscher, die ihr den Himmel tragt!
Ihr Wohnungen der Treue, ihr Täler voller Duft,
Willkommen, Quellen und Triften, Freiheit und Bergesluft! -

Wer ist der kecke Schütze im grünen Jagdgewand,
Den Gemsbart auf dem Hütlein, die Armbrust in der Hand,
Des Aug' so flammend glühet, wie hoher Königsblick,
Des Herz so still sich freuet an kühnem Jägerglück?

Das ist der Max von Habsburg auf luft'ger Gemsenjagd;
Seht ihn auf Felsen schweben, wo's kaum die Gemse wagt!
Der schwingt sich auf und klettert in pfeilbeschwingtem Lauf,
Hei, wie das geht so lustig durch Kluft und Wand hinauf!

Jetzt über Steingerölle, jetzt über tiefe Gruft,
Jetzt kriechend hart am Boden, jetzt fliegend durch die Luft!
Und jetzt? - Halt ein, nicht weiter! jetzt ist er festgebannt,
Kluft vor ihm, Kluft zu Seite, und oben jähe Wand!

Der Aar, der sich schwingt zur Sonne, hält hier die erste Rast,
Des Fittichs Kraft ist gebrochen und Schwindel hat ihn erfaßt.
Wollt' einer von hier zum Tale hinab ein Stieglein bau'n,
Müßt' traun ganz Tirol und Steyer die Steine dazu behau'n.

Wohl hat die Amm' einst Maxen erzählt von der Martinswand,
Daß schon beim leisen Gedanken das Aug' in Nebeln schwand.
Und ob sie wahr erzählte, ersehn nun kann er's hier;
Daß er's nicht weiter plaud're, gesorgt ist schon dafür.

Da steht der Kaisersprosse, Fels ist sein Throngezelt,
Sein Zepter Moosgeflechte, an das er schwindelnd sich hält;
Auch ist eine Aussicht droben, so weit und wunderschön,
Daß ihm vor lauter Schauen die Sinne fast vergehn.

Tief unten lag das Inntal, ein Teppich lustig grün,
Wie Fäden durch's Gewebe, ziehn Straß' und Strom dahin.
Die Bergkolosse liegen rings eingeschrumpft zu Hauf
Und schaun, ein Friedhof voll Hügel, zu Maxen mahnend auf.

Jetzt stößt er hilferufend mit Macht hinein in's Horn,
Daß es in Lüften gellet, als dröhnte Gewitterzorn.
Ein Teufelchen, das kichert im nahen Felsenspalt;
Denn nicht zu Tale dringet des Hilferufs Gewalt.

In's Horn nun stößt er wieder, daß es fast platzend bricht;
Ho, ho, nicht so gelärmet, da hilft das Schreien nicht!
Denn liebte ihn sein Volk nicht, was er auch bieten mag,
Herr Max, er bliebe sitzen bis an den jüngsten Tag!

Was nicht das Ohr vernommen, das hat das Aug' gesehn;
Die unten sahn ihn schweben auf pfadlos steilen Höhn,
Gebet und Glocken rufen für ihn zum Himmelsdom,
Von Kirch' zu Kirche wallfahrt der bang Menschenstrom.

Jetzt an dem Fuß des Felsens erscheint ein bunter Chor,
Ein Priester inmitten, weisend das Sakrament empor.
Max sieht nur das bunte Wimmeln auf ferner Talesflur,
Er sieht das blitzende Glänzen der Goldmonstranze nur.

"Fahr wohl nun, Welt und Leben! schwer fällt der Abschied mir!
O unerforschlich Wesen, du winkst, ich folge dir!
Ich schien ein Baum voll Blüten, - der Blitz hat ihn erschlagen, -
Ach gerne hätt' er früher noch süße Frucht getragen!

Ich schien ein Bauherr, türmend den Dom zu deinem Ruhm, -
Nicht durft' er ganz vollenden der Liebe Heiligtum!
Ein Priester, plötzlich stürzend tot an des Altars Stufen,
Er hätte gern erst Segen noch über's Volk gerufen!

So mag dies Herz denn brechen, voll Lieb' und Segen voll!
So modre nun, mein Busen, der tatenschwanger schwoll!
Verwelke, Hand, denn nimmer krönt deine Müh' Gedeihn!
Nur Gottes bester Engel kann hier mein Retter sein!"

Er spricht's und hebt zum Himmel nun Angesicht und Arm,
Und in die Kniee sinkt er und betet still und warm.
Da klopft's auf seine Schulter; er fährt erschreckt empor.
"Komm' heim, du bist gerettet!" so ruft es an sein Ohr.

Und einen Bergmann sieht er froh lächelnd vor sich stehn,
Der fasset ihn beim Arme und winkt ihm fürder zu gehn;
Mit Leitern, Stahl und Seilen wird kühn ein Pfad gebahnt,
Wo Maxens Fußtritt strauchelt, stützt ihn des Retters Hand.

Der lädt ihn auf den Rücken, wo Klüfte schwindelnd drohn;
Wohl sind der Treue Schultern des Fürsten bester Thron!
Rasch geht's zu Tal, wo jauchzend Tirol empfängt die Zwei,
Kein Spötter kann belächeln die selt'ne Reiterei.

Wohl kündet uns die Sage aus grauer Ahnenzeit
Von einem Himmelsboten, der schützend ihn befreit.
Ja wohl, ein Engel war es, ein Schutzgeist stark und kühn,
Des treuen Volkes Liebe, so nennt zu deutsch man ihn.

Ein Kreuz auf hohem Felsen blickt nieder in das Land
Und zeigt den Ort, wo bebend einst Habsburgs Sprosse stand;
Noch lebt die edle Kunde und jubelt himmelwärts
Aus manches Sängers Munde, aus aller Tiroler Herz.


Familiengemälde

Großvater und Großmutter,
Die saßen im Gartenhag,
Es lächelte still ihr Antlitz
Wie sonn'ger Wintertag.

Die Arme verschlungen, ruhten
Ich und die Geliebte dabei,
Und blühten und klangen die Herzen
Wie Blumenhaine im Mai.

Ein Bächlein rauschte vorüber
Mit plätscherndem Wanderlied,
Stumm zog das Gewölk am Himmel,
Bis unseren Blicken es schied.

Es raschelte von den Bäumen
Das Laub, verwelkt und zerstreut,
Und schweigend an uns vorüber
Zog leichten Schrittes die Zeit.

Stumm blickte aufs junge Pärchen
Das alte stille Paar;
Des Lebens Doppelspiegel
Stand vor uns licht und wahr:

Sie sah'n uns an und dachten
Der schönen Vergangenheit;
Wir sah'n sie an und träumten
Von ferner künft'ger Zeit.


Helgoland

Zugvögel sanglos diese Lüfte teilen,
Kein Sprosser flötet hier durch laub'ge Äste,
Kein Hänfling zwitschert hier aus sich'rem Neste
Das fromme Siedlerlied: "Da ist gut weilen."

Wie ziehen! tönt's im Chor der flücht'gen Gäste,
Die Wellen rauschen's, die den Strand zerfeilen,
Die Wolken dröhnend rollend hin: wir eilen!
Wir fliehen! braust's im Ostwind und im Weste.

Leis in den Nebeln säuselt's: wir zerinnen!
Zerriss'ne Segel flattern: wir entwallen!
Die Möwe kreischt im hast'gen Flug: von hinnen!

Verwitternd springt der Stein vom Rand: wir wandern!
Vom alten Felsen klingt es: wir zerfallen!
Er singt es wohl sich selber und zu andern.


Mannesträne

Mädchen, sahst du jüngst mich weinen? -
Sieh, des Weibes Träne dünkt
Mir der klare Tau des Himmels,
Der in Blumenkelchen blinkt.

Ob die trübe Nacht ihn weinet,
Ob der Morgen lächelnd bringt,
Stets doch labt der Tau die Blume
Und ihr Haupt hebt sich verjüngt.

Doch es gleicht des Mannes Träne
Edlem Harz aus Ostens Flur,
Tief ins Herz des Baums verschlossen,
Quillt's freiwillig selten nur.

Schneiden mußt du in die Rinde
Bis zum Kern des Marks hinein,
Und das edle Naß entträufelt
Dann so golden, hell und rein.

Bald zwar mag der Born versiegen,
Und der Baum grünt fort und treibt,
Und er grüßt noch manchen Frühling,
Doch der Schnitt, die Wunde - bleibt.

Mädchen, denk' des wunden Baumes
Auf des Ostens fernen Höh'n,
Denke, Mädchen, auch des Mannes,
Den du weinen einst gesehn.