Johann Peter Hebel (1760 bis 1826)



Sommerlied

Blaue Berge!
Von den Bergen strömt das Leben:
Reine Luft für Mensch und Vieh,
Wasserbrünnlein spät und früh
Müssen uns die Berge geben.

Frische Matten!
Grüner Klee und Dolden schießen;
An der Schmehle schlank und fein
Glänzt der Tau wie Edelstein,
Und die klaren Bächlein fließen.

Schlanke Bäume!
Muntrer Vögel Melodeien
Tönen im belaubten Reis,
Singen laut des Schöpfers Preis;
Kirsche, Birn' und Pflaum' gedeihen.

Grüne Saaten!
Aus dem zarten Blatt enthüllt sich
Halm und Ähre, schwanket schön,
Wenn die milden Lüfte wehn,
Und das Körnlein wächst und füllt sich.

An den Himmel
Strahlt die Sonn' im Brautgeschmeide,
Weiße Wölklein steigen auf, -
Ziehn dahin im stillen Lauf,
Gottes Schäflein gehn zur Weide.

Herzensfrieden
Woll' ijn Gott uns Allen geben!
O dann ist die Erde schön!
In den Gründen, auf den Höh'n
Wacht und singt ein frohes Leben.

Schwarze Wetter
Überziehn den Himmelsbogen,
Und der Vogel singt nicht mehr.
Winde brausen hin und her,
Und die wilden Wasser wogen.

Rote Blitze
Zucken hin und zucken wieder,
Leuchten über Wald und Flur.
Bange harrt die Kreatur;
Donnerschläge stürzen nieder.

Gut Gewissen,
Wer es hat und wer's bewachet,
In den Blitz vom Weltgericht
Schaut er und erbebet nicht,
Wenn der Grund der Erde krachet.