Gottlieb Konrad Pfeffel (1736 bis 1809)



Diogenes

Als mit der Leuchte Diogen,
Um einen Menschen auszuspüren,
Durch alle Gassen von Athen
Umherzog, stieß ihm an den Türen
Des Tempels der Barmherzigkeit
Ein Priester auf: "Herr, eine Gabe!"
Rief Diogen, "nur einen Deut,
Daß ich mein schwaches Alter labe." -
"Mein Segen gnüge dir, mein Sohn!"
Versetzt der Pfaff' und schleicht davon.
Der Pilger trat vor einen Laden
Voll Spangen, Fächer und Pomaden,
Und sprach zu einem schönen Weib:
Ihr kauft so viel zum Zeitvertreib,
Madam! Wollt ihr nicht auch des Armen,
Der bald verhungert euch erbarmen?"
"Mich jammert, Alter, deine Not!
Da, kaufe dir ein Gerstenbrot."
Sie sprach's, und gab im Augenblicke
Dem Krämer zwanzig Silberstücke
Für ihres Hundes Halsband hin.
Der Weise kratzt sich in den Haaren
Und geht. - Der Prinz von Salamin
Kam eben in die Stadt gefahren.
Diogenes lief zu ihm hin
Und hing sich an den gold'nen Wagen:
"Halt! Sohn der Götter, höre mich!"
"Fort Schlingel," hieß es, "packe dich!
Sonst laß ich dich zu Tode schlagen."
Ein Sklave, der von ferne stand,
Sprang auf und riß mit edler Hitze
Den Alten weg und seine Hand
Warf ihm zwei Heller in die Mütze.
"Ihr Götter!" rief der weise Mann,
"Mehr, als der König geben kann,
Gab dieser mir; nun sterb' ich gerne."
Er weint' und löschte die Laterne.


Ibrahim

Eh' Ferdinand mit frommer Wut
Die Mauren von sich stieß,
Floß Omars junges Heldenblut
Durch Gusmans Ritterspieß.

Aus Furcht der Rache (reich und groß
War dieser Sarazen)
Floh Gusman und blieb atemlos
Vor einem Garten stehn.

Hoch war die Mauer; doch er schwang
Sich wie ein Pfeil hinein,
Und fand in einem Bogengang
Den Herrn des Guts allein.

Er fleht um Schutz. Mit seinem Stab
Schlägt Emir Ibrahim
Voll Ernst jetzt einen Pfirsich ab
Und teilet ihn mit ihm.

"Nimm hin," sprach er, "du bist mein Gast;
Dies ist des Schutzes Pfand,
Den du von mir zu hoffen hast."
Und gab ihm seine Hand.

Doch plötzlich rief ein Mütterlein
Den edlen Greis hinaus,
Er schloß, um unentdeckt zu sein,
Den Gast ins Gartenhaus.

Drei Stunden harrt er hier voll Gram,
Ihm scheint kein Mondenlicht,
Bis sein Beschützer wieder kam,
Mit Tränen im Gesicht.

"Den du erschlugst, grausamer Christ,"
Sprach er, "der war mein Sohn.
Schön ist die Rache, schöner ist
Gehalt'ner Treue Lohn.

Fleuch! Vor der Gartentüre steht
Mein bestes Pferd. Man sucht
Dich an der See. Fleucht nach Toled!
Gott schütze deine Flucht!" -

Siehst du im Greis den halben Gott?
Wer wohltut seinem Feind,
Mein Kind, wär' er ein Hottentott,
So ist er Gottes Freund.