Friedrich Rückert (1788 bis 1866)



Abendlied

Ich stand auf Berges Halde,
Als Sonn' hinunter ging,
Und sah wie über'm Walde
Des Abends Goldnetz hing.

Des Himmels Wolken tauten
Der Erde Frieden zu,
Bei Abendglockenlauten
Ging die Natur zur Ruh.

Ich sprach: O Herz, empfinde
Der Schöpfung Stille nun
Und schick mit jedem Kinde
Der Flur dich auch, zu ruhn.

Die Blumen alle schließen
Die Augen allgemach,
Und alle Wellen fließen
Besänftiget im Bach.

Nun hat der müde Silfe
Sich unters Blatt gesetzt
Und die Libell' am Schilfe
Entschlummert taubenetzt.

Es ward dem goldnen Käfer
Zur Wieg' ein Rosenblatt;
Die Herde mit dem Schäfer
Sucht ihre Lagerstatt.

Die Lerche sucht aus Lüften
Ihr feuchtes Nest im Klee,
Und in des Waldes Schlüften
Ihr Lager Hirsch und Reh.

Wer sein ein Hüttchen nennet,
Ruht nun darin sich aus;
Und wen die Fremde trennet,
Den trägt ein Traum nach Haus.

Mich fasset ein Verlangen,
Daß ich zu dieser Frist
Hinauf nicht kann gelangen,
Wo meine Heimat ist.


Abendstille

Die Schwalbe schwingt zum Abendliede
Sich auf das Stänglein unterm Dach,
Im Feld und in der Stadt ist Friede,
Fried' ist im Haus und im Gemach.

Ein Schimmer fällt vom Abendrote
Leis in die stille Straß' herein
Und vorm Entschlafen sagt der Bote
Es werd' ein schöner Morgen sein.


Aus der Jugendzeit

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war!

Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang,
Die den Herbst und Frühling bringt;
Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang,
Das jetzt noch klingt?

"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer."

O du Kindermund, o du Kindermund,
Unbewußter Weisheit froh,
Vogelsprachekund, vogelsprachekund
Wie Salomo!

O du Heimatflur, o du Heimatflur,
Laß zu deinem heil'gen Raum
Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur
Entfliehn im Traum!

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
War mir voll die Welt so sehr,
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer.

Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt,
Und der leere Kasten schwoll,
Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert,
Wird's nie mehr voll.

Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt
Dir zurück, wonach du weinst;
Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt
Im Dorf wie einst:

"Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
Waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War alles leer."


Barbarossa

Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friedrich,
Im unterird'schen Schlosse
Hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt;
Er hat im Schloß verborgen
Zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinab genommen
Des Reiches Herrlichkeit
Und wird einst wiederkommen
Mir ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt;
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug' halb offen zwinkt,
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben:
Seh hin vor's Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg,

Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen,
Verzaubert hundert Jahr.


Das Kamel

Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt' ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing scheu zu werden,
Und tät so ganz entsetzlich schnaufen;
Der Führer von ihm mußt' entlaufen.
Er lief, und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Weg' er da.
Das Tier hört' er im Rücken schnauben,
Das mußt' ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch;
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus dem geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann tät fest sich klammern. -
Er blickte in die Höh' und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah,
Das ihn wollt oben fassen wieder.
Dann blickt er in den Brunnen nieder,
Da sah am Grund er einen Drachen,
Aufgähnen mit gesperrten Rachen,
Der unten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunter fallen sollte. -
So schwebend in der beiden Mitte,
Da sah der Arme noch das dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar:
Schwarz eine, weiß die andre war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd' ab von der Wurzel spülten,
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach' im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann, in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt' er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut,
Und nicht den Drachen in der Flut,
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer' in's Auge fiel, -
Er ließ das Tier von oben lauschen,
Und unter sich den Drachen rauschen,
Und neben sich die Mäuse nagen, -
Griff nach dem Beerlein mit Behagen,
Sie deuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen. -

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Du fragst, wer ist der töricht' Mann,
Der so die Furcht vergessen kann?
So will', o Freund, der Mann bist du!
Vernimm die Deutung auch dazu.
Es ist der Drach' im Brunnengrund
Des Todes aufgesperrter Schlund,
Und das Kamel, das oben droht,
Es ist des Lebens Angst und Not.
Du bist's der zwischen Tod und Leben
Am grünen Strauch der Welt muß schweben.
Die beiden, so die Wurzeln nagen,
Dich samt den Zweigen, die dich tragen,
Zu liefern in des Todes Macht,
Die Mäuse, heißen Tag und Nacht.
Es nagt die schwarze, wohl verborgen,
Vom Abend heimlich bis zum Morgen;
Es nagt vom Morgen bis zum Abend
Die weiße wurzeluntergrabend.
Und zwischen diesem Graus und Wust
Lockt dich die Beere "Sinnenlust,"
Daß du Kamel: die Lebensnot,
Daß du im Grund den Drachen: Tod,
Daß du die Mäuse: Tag und Nacht,
Vergissest, und auf nichts hast acht,
Als das du recht viel Beerlein haschest,
Aus Grabes Brunnenritzen naschest. -


Das versunkene Schiff

Den Strom hinunter fuhr das Schiff,
Die Mannschaft ist ertrunken,
Gescheitert ist's an keinem Riff,
Warum ist es versunken?

Sie tranken Wein beim Lautenklang
Auf dem Verdecke droben,
Und hörten nicht den Ruf, der bang
Von unten sich erhoben.

Gefangene, nach Kriegesbrauch
Verwahrt im engen Raume,
Sie riefen: Uns ein Tröpflein auch;
Die Zuge klebt am Gaume!

Doch jene wollen ungestört
In Freuden sich berauschen;
Von den Gefang'nen ward gehört
Am Kiel der Fluten Rauschen.

Wir schmachten nach so langem Heil;
Auf, es hereinzuschaffen!
Im Winkel fanden sie das Beil,
Nun muß der Boden klaffen.

Das Wasser springt in Strömen ein,
Sie trinken und ertrinken,
Nicht merken's oben die vom Wein
Berauschten, daß sie sinken.


Der betrogene Teufel

Die Araber hatten ihr Feld bestellt,
Da kam der Teufel herbei in Eil;
Er sprach: Mir gehört die halbe Welt,
Ich will auch von eurer Ernt mein Teil.

Die Araber aber sind Füchse von Haus;
Sie sprachen: Die untere Hälfte sei dein!
Der Teufel will allzeit oben hinaus:
"Nein," sprach er, "es soll die obere sein!"

Da bauten sie Rüben an einem Strich,
Und als es nun an die Teilung ging,
Die Araber nahmen die Wurzeln für sich,
Der Teufel die gelben Blätter empfing.

Und als es wiederum ging in's Jahr,
Da sprach der Teufel in hellem Zorn:
"Nun will ich die untere Hälfte fürwahr!"
Da bauten die Araber Weiz und Korn.

Und als es wieder zur Teilung kam,
Die Araber nahmen den Ährenschnitt,
Der Teufel die leeren Stoppeln nahm
Und heizte der Hölle Ofen damit.


Lebensglück

Sei unbetört und unverstört!
Was zu des Lebens Glück gehört,
Hat dir ein Gott gegeben;
Und was er dir nicht gab, gehört,
O glaube es, nicht zum Leben.

Was du nicht hast, das ist die Last,
Die du nicht aufgeladen hast;
Du hast die Lust am Leben.
Sei unverstört und unbetört!
Was zu des Lebens Lust gehört,
Das hat dir Gott gegeben.


Lohn der Freigebigkeit

Unter'm Baume stand der Knabe,
Reichte nicht bis an den Ast,
Bettelte um eine Gabe
Von der Zweige reichen Last.

Und der Baum begann zu regen
Seinen Wipfel leis' im Wind,
Schüttelt' einen Apfelregen
Nieder dem erstaunten Kind.

Was es essen konnte, aß es,
Alles essen konnt' es nicht.
Aber schon so viel besaß es,
Daß ihm noch viel mehr gebricht.

Einen Apfel wirft zum Spiele
Es dem Geber in's Gesicht,
Freut sich, daß er dort vom Stiele
Einen reifen Bruder bricht.

Und so viel als niederfallen,
Schleudert er hinauf, und treibt
Es so lange, bis von allen
Früchten keine droben bleibt.

Was der kahle Baum nun denket?
Zürnend wieget er das Haupt:
"Weil ich dir zu viel geschenket,
Hast du alles mir geraubt."


Salomon und der Sämann

Im Feld der König Salomon
Schlägt unter'm Himmel auf den Thron;
Da sieht er einen Sämann schreiten,
Der Körner wirft nach allen Seiten.

"Was machst du da?" der König spricht,
"Der Boden hier trägt Ernte nicht.
Laß ab vom törichten Beginnen,
Du wirst die Aussaat nicht gewinnen."

Der Sämann, seinen Arm gesenkt,
Unschlüssig steht er still und denkt;
Dann fährt er fort, ihn rüstig hebend,
Dem weisen König Antwort gebend:

"Ich habe nichts als dieses Feld,
Geackert hab' ich's und bestellt,
Was soll ich weiter Rechnung pflegen?
Das Korn von mir, von Gott der Segen."


Spruch

Wenn es dir übel geht,
Nimm es für gut nur immer,
Denn wenn du's übel nimmst,
So wird es nur noch schlimmer.

Und tut ein Freund dir weh,
Verzeih's ihm und versteh,
Es ist ihm selbst nicht wohl,
Sonst tät er dir nicht weh.

Doch wenn dich Liebe kränkt,
Sei dir's zu Lieb' ein Sporn,
Daß du die Rose hast,
Das fühlst du auch am Dorn.


Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen

Denk an! Das Büblein ist einmal
Spazieren gegangen im Wiesental;
Da wurd's müd' gar sehr
Und sagt': "Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist das Bächlein geflossen kommen
Und hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf's Bächlein gesetzt
Und hat gesagt. "So gefällt mir's jetzt."

Aber was meinst du? das Bächlein war kalt,
Das hat das Büblein gespürt gar bald;
Es hat's gefroren gar sehr,
Es sagt': "Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist das Schifflein geschwommen kommen
Und hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich auf's Schifflein gesetzt
Und hat gesagt: "Da gefällt mir's jetzt."

Aber sieh'st du? das Schifflein war schmal,
Das Büblein denkt; da fall' ich einmal;
Da fürcht't es sich gar sehr
Und sagt': "Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist die Schnecke gekrochen gekommen
Und hat's Büblein mitgenommen:
Das Büblein hat sich in's Schneckenhäuslein gesetzt
Und hat gesagt: "Da gefällt mir's jetzt."

Aber denk! die Schnecke war kein Gaul,
Sie war im Kriechen gar zu faul;
Dem Büblein ging's langsam zu sehr;
Es sagt': "Ich mag nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist der Reiter geritten gekommen,
Der hat's Büblein mitgenommen;
Das Büblein hat sich hinten auf's Pferd gesetzt
Und hat gesagt: "So gefällt mir's jetzt!"

Aber gib acht! das ging wie der Wind!
Es ging dem Büblein gar zu geschwind;
Es hopft darauf hin und her
Und schreit: "Ich kann nicht mehr;
Wenn nur was käme
Und mich mitnähme!"

Da ist ein Baum ihm in's Haar gekommen;
Und hat das Büblein mitgenommen;
Er hat's gehängt an einem Ast gar hoch,
Dort hängt das Büblein und zappelt noch.


Wenn du willst im Menschenherzen

Wenn du willst im Menschenherzen
Alle Saiten rühren an,
Stimme zu den Ton der Schmerzen,
Nicht den Klang der Freude an.

Mancher ist wohl, der erfahren
Hat auf Erden seine Lust,
Keiner, der nicht still bewahren
Wird ein Weh in seiner Brust.