Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762 bis 1834)



Herbstlied

Durch die Wälder streif' ich munter,
Wenn der Wind die Stämme rüttelt
Und mit Rascheln bunt und bunter
Blatt auf Blatt herunterschüttelt.

Denn es träumt bei solchem Klange
Sich gar schön vom Frühlingshauche,
Von der Nachtigall Gesange,
Und vom jungen Grün am Strauche.

Lustig schreit' ich durchs Gefilde,
Wo verdorrte Disteln nicken,
Denk' an Maienröslein milde
Mit den morgenfrischen Blicken.

Nach dem Himmel schau' ich gerne,
Wenn ihn Wolken schwarz bedecken;
Denk' an tausend liebe Sterne,
Die dahinter sich verstecken.


Lied eines Landmanns in der Fremde

Traute Heimat meiner Lieben,
Sinn' ich still an dich zurück,
Wird mir wohl und dennoch trüben
Sehnsuchtstränen meinen Blick.

Stiller Weiler, grün umfangen
Von beschirmendem Gesträuch;
Kleine Hütte voll Verlangen
Denk ich immer noch an euch;

An die Fenster, die mit Reben
Einst mein Vater selbst umzog,
An den Birnbaum, der daneben
Auf das niedre Dach sich bog,

An die Stauden, wo ich Meisen
Im Hollunderkasten fing,
An des stillen Weihers Schleusen,
Wo ich Sonntags fischen ging.

Was mich dort als Kind erfreute,
Kommt mir wieder lebhaft vor:
Das bekannte Dorfgeläute
Widerhallt in meinem Ohr.

Selbst des Nachts in meinen Träumen
Schiff' ich auf der Heimat See,
Schütt'le Äpfel von den Bäumen,
Wäss're ihrer Wiesen Klee,

Lösch' aus ihres Brunnens Röhren
Meinen Durst am schwülen Tag,
Pflück' im Walde Heidelbeeren,
Wo ich einst im Schatten lag.

Wann erblick' ich selbst die Linde,
Auf den Kirchenplatz gepflanzt,
Wo, gekühlt im Abendwinde,
Unsre frohe Jugend tanzt?

Wann des Kirchturms Giebelspitze,
Halb im Obstbaumwald versteckt,
Wo der Storch auf hohem Sitze
Friedlich seine Jungen heckt?

Traute Heimat meiner Väter,
Wird bei deines Friedhofs Tür
Nur einst, früher oder später,
Auch ein Ruheplätzchen mir.


Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell wie Kristall,
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er flimmert blau und rot und weiß
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus
Ragt nackt und kraus
Des Dorngebüsches Gabe.

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind'
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Flaum,
Wie leichter Blütenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet mit des Schnees Last
Den Wand'rer zu beschütten.
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lauter blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalls Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der munt're Sperling pickt vertraut
Die Körner von der Scheune;
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! Auf festgedieg'ner Bahn
Klimm' ich den Hügel schnell hinan
Und blicke froh in's Weite,
Und pfeife den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.