Friedrich von Sallet (1812 bis 1843)



Der Geiger

Ein Geiger zog von Land zu Land,
Um seine Kunst zu zeigen,
Was je ein Menschenherz empfand,
Das wußt' er vorzugeigen.

Er spielte leis, er spielte stark,
In Tönen vielgestaltig,
Sein Geigen ging durch Bein und Mark,
Ergreifend allgewaltig.

Das Lob erschallt. Der Geiger stand
Und blickt in tiefen Sinnen:
"Den schönsten Klang, den ich gekannt,
Den hab' ich doch nicht inne.

Mein alter Vater spielte mir,
Als ich ein Kind, die Weise;
Sie klang (ich bebt' und weinte schier)
So wunderstark und leise.

Doch wie ich sinne hin und her,
Ich weiß sie nicht zu geigen,
Und Ruhe find' ich nimmermehr,
Bis sie mir wieder eigen." -

Er spricht's und spielet leis und stark,
Und sinnt und spielet wieder;
Geht auch sein Ton durch Bein und Mark,
Er senkt den Bogen nieder.

"O jammervolle Schnörkelei'n!
Ist das Musik zu nennen? -
Rasch packt' er Geig' und Bogen ein,
Um wild davon zu rennen.

Er wandert hin, er wandert her,
Dann wandert er nach Hause;
Das Haar wird grau, die Hand wird schwer,
Er wohnt in stiller Klause.

Doch sinnt er stehts und sinnet noch
Und findet nicht die Weise.
"Du guter Gott, erbarm' dich doch!
Gib Ruh' mir schwachem Greise!"

Der Knabe, den er geigen lehrt,
Sieht morgens einst ihn träumen.
Er lächelt sanft; er schwebt verklärt
Wohl jetzt in lichten Räumen.

Als er erwachet, spricht er mild:
"Dank, Dank dir, Herr da droben!
Ich sah im Traum des Vaters Bild
Von Silberhaar umwoben.

Die Weise, die ich nimmer fand,
Hört' ich ihn kräftig geigen.
O gib die Geige von der Wand!
Jetzt ist der Klang mein eigen."

Der Knabe reicht die Geige dar,
Der Alte spielt die Weise,
Der Knabe horcht, - es klingt so klar,
So wunderstark und leise.

Die alte Hand ermattet nicht,
Stets schallt es voller tönend,
Dem Aug' entströmt ein selig Licht,
Das alte Haupt verschönend.

Da stirbt der Ton, der Bogen fällt,
Es kniet und schluchzt der Knabe.
Der Alte noch die Geige hält;
Legt ihn auch so zu Grabe!


Die Sternschnuppe

Wißt ihr, was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern herniedergleitet
Und schnell zur Erde fällt?

Die Lichter, die dort glänzen
Mit wundermildem Schein,
Das sind in Strahlenkränzen
Viel tausend Engelein.

Die sind als treue Wachten
Am Himmel aufgestellt,
Das sie auf alles achten,
Was vorgeht in der Welt.

Wenn unten auf der Erde
Ein guter Mensch, gedrückt
Von Kummer und Beschwerde,
Voll Andacht aufwärts blickt

Und sich zum Vater wendet
In seinem tiefen Weh,
Dann wird herabgesendet
Ein Engel aus der Höh'.

Der schwebt in seine Kammer
Mit wildem Friedensschein
Und wieget seinen Jammer
In sanften Schlummer ein.

Das ist's was es bedeutet,
Wenn von dem Himmelszelt
Ein Stern herniedergleitet
Und schnell zur Erde fällt.