August Wilhelm Schlegel (1767 bis 1845)



Arion

Arion war der Töne Meister,
Die Zither lebt' in seiner Hand,
Damit ergötzt'er alle Geister,
Und gern empfing ihn jedes Land.
Er schiffte goldbeladen
Jetzt von Tarents Gestaden,
Zum schönen Hellas heimgewandt.

Zum Freunde zieht ihn kein Verlangen,
Ihn liebt der Herrscher von Korinth
Eh' in die Fremd' er ausgegangen,
Bat der ihn brüderlich gesinnt:
"Laß dir's in meinen Hallen
Doch ruhig wohlgefallen!
Viel kann verlieren wer gewinnt."

Arion sprach: "Ein wandernd Leben
Gefällt der freien Dichterbrust.
Die Kunst, die mir ein Gott gegeben,
Sei frei auch vieler Tausend Lust.
An wohlerworb'nen Gaben,
Wie werd' ich einst mich laben,
Des weiten Ruhmes froh bewußt!"

Er steht im Schiff am zweiten Morgen,
Die Lüfte wehen lind und warm.
"O Periander, eitle Sorgen!
Vergiß sie nun in meinem Arm!
Wir wollen mit Geschenken
Die Götter reich bedenken,
Und jubeln in der Gäste Schwarm!"

Es bleiben Wind und See gewogen,
Auch nicht ein fernes Wölkchen graut.
Er hat nicht allzuviel den Wogen,
Den Menschen allzu viel vertraut.
Er hört die Schiffer flüstern,
Nach seinen Schätzen lüstern,
Doch bald umringen sie ihn laut:

"Du darfst, Arion, nicht mehr leben:
Begehrst du auf dem Land ein Grab,
So mußt du hier den Tod dir geben;
Sonst wirf dich in das Meer hinab!" -
"So wollt ihr mich verderben?
Ihr mögt mein Gold erwerben,
Ich kaufe gern mein Blut euch ab." -

"Nein, nein, wir lassen dich nicht wandern,
Du wärst ein zu gefährlich Haupt.
Wo blieben wir vor Periandern,
Verriet'st du, daß wir dich beraubt?
Uns kann dein Gold nicht frommen,
Wenn, wieder heim zu kommen,
Uns nimmer mehr die Furcht erlaubt." -

"Gewährt mir denn noch ein Bitte,
Gilt, mich zu retten, kein Vertrag:
Daß ich nach Zitherspieler Sitte,
Wie ich gelebet, sterben mag.
Wenn ich mein Lied gesungen,
Die Seiten ausgeklungen,
Dann fahre hin, des Lebens Tag!"

Die Bitte kann sie nicht beschämen,
Sie denken nur an den Gewinn,
Doch solche Sänger zu vernehmen,
Das reizet ihren wilden Sinn.
"Und wollt ihr ruhig lauschen,
Laßt mich die Kleider tauschen:
Im Schmuck nur, reißt Apoll mich hin." -

Der Jüngling hüllt die schönen Glieder
In Gold und Purpur wunderbar,
Bis auf die Sohlen wallt hernieder
Ein leichter, faltiger Talar,
Die Arme zieren Spangen,
Um Hals und Stirn und Wangen
Fliegt duftend das bekränzte Haar.

Die Zither ruht in seiner Linken,
Die Rechte hält das Elfenbein.
Er scheint erquickt die Luft zu trinken,
Er strahlt im Morgensonnenschein;
Es staunt der Schiffer Bande,
Er schreitet vor zum Rande,
Und sieht in's blaue Meer hinein.

Er sang: "Gefährtin meiner Stimme,
Komm, folge mir in's Schattenreich!
Ob auch der Höllenhund ergrimme,
Die Macht der Töne zähmt ihn gleich.
Elysiums Heroen,
Dem dunkeln Strom entflohen,
Ihr friedlichen, schon grüß' ich euch!

Doch, könnt' ich mich des Grams entbinden?
Ich lasse meinen Freund zurück.
Du gingst, Euryndieen zu finden,
Der Hardes barg dein süßes Glück:
Da wie ein Traum zerronnen,
Was dir dein Lied gewonnen,
Verfluchtest du der Sonne Blick.

Ich muß hinab, ich will nicht zagen!
Die Götter schauen aus der Höh'.
Die ihr mich wehrlos habt erschlagen,
Erblaßet, wenn ich untergeh'!
Den Gast, zu euch gebettet,
Ihr Nereiden, rettet!"
So sprang er in die tiefe See.

Ihn decken alsobald die Wogen,
Die sichern Schiffer segeln fort.
Delphine waren nachgezogen,
Als locke sie ein Zauberwort:
Eh' Fluten ihn ersticken,
Beut einer ihm den Rücken
Und trägt ihn sorgsam hin zum Port.

Des Meeres verworrene Gebrause
Ward stummen Fischen nur verlieh'n;
Doch lockt Musik aus salz'gem Hause
Zu frohen Sprüngen den Delphin:
Sie konnt' ihn oft bestricken,
Mir sehnsuchtsvollen Blicken
Dem falschen Jäger nachzuzieh'n.

So trägt den Sänger mit Entzücken
Das menschenliebend sinn'ge Tier.
Er schwebt auf dem gewölbten Rücken,
Hält mit Triumph der Leier Zier,
Und kleine Wellen springen,
Wie nach der Saiten Klingen,
Rings in dem bläulichen Revier.

Wo der Delphin sich sein entladen,
Der ihn gerettet uferwärts,
Da wird dereinst an Felsgestaden
Das Wunder aufgestellt in Erz;
Jetzt, da sich jedes trennte,
Zu seinem Elemente,
Grüßt ihn Arions volles Herz:

"Leb' wohl, und könnt' ich dich belohnen,
Du treuer, freundlicher Delphin!
Du kannst nur hier, ich dort nur wohnen:
Gemeinschaft ist uns nicht verlieh'n;
Dich wird auf feuchte Spiegeln
Noch Galatea zügeln,
Du wirst sie stolz und heilig zieh'n."

Arion eilt nun leicht von hinnen,
Wie einst er in die Fremde fuhr;
Schon glänzen ihm Korinthus' Zinnen,
Er wandelt fliegend durch die Flur.
Mit Lieb' und Lust geboren,
Vergißt er, was verloren,
Bleibt ihm der Freund, die Zither, nur.

Er tritt hinein: "Vom Wanderleben
Nun ruh' ich, Freund, an deiner Brust.
Die Kunst, die mir ein Gott gegeben,
Sie wurde vieler Tausend Lust.
Zwar falsche Räuber haben
Die wohlerworb'nen Gaben,
Doch bin ich mir des Ruhms bewußt."

Dann spricht er von den Wunderdingen,
Daß Periander staunend horcht:
"Soll jenen solch ein Raub gelingen?
Ich hätt' umsonst die Macht geborgt?
Die Täter zu entdecken,
Mußt du dich hier verstecken,
So nah'n sie wohl sich unbesorgt."

Und als im Hafen Schiffer kommen,
Bescheidet er sie zu sich her:
"Habt von Arion ihr vernommen?
Mich kümmert keine Wiederkehr."
"Wir ließen recht im Glücke
Ihn zu Tarent zurücke."
Da, siehe! Tritt Arion her.

Gehüllt sind seine schönen Glieder
In Gold und Purpurn wunderbar,
Bis auf die Sohlen wallt hernieder
Ein leichter faltiger Talar,
Die Arme zieren Spangen,
Um Hals und Stirn und Wangen
Fliegt duftend das bekränzte Haar.

Die Zither ruht in seiner Linken,
Die Rechte hält das Elfenbein.
Sie müssen ihm zu Füßen sinken,
Es trifft sie wie des Blitzes Schein.
"Ihn wollten wir ermorden!
Er ist zum Gotte worden:
O schläng' uns nur die Erd' hinein!" -

"Er lebet noch, der Töne Meister;
Der Sänger steht in heil'ger Hut.
Ich rufe nicht der Rache Geister,
Arion will nicht euer Blut.
Fern mögt ihr zu Barbaren,
Des Geizes Knechte, fahren.
Nie labe Schönes euern Mut!"


Gelübde

Es sei mein Herz und Blut geweiht,
Dich, Vaterland zu retten.
Wohlan, es gilt, du seist befreit!
Wir sprengen deine Ketten!
Nicht fürder soll die arge That,
Des Fremdlings Übermut, Verrat
In deinem Schoß sich betten.

Wer hält, wem frei das Herz noch schlägt,
Nicht fest an deinem Bilde?
Wie kraftvoll die Natur sich regt
Durch deine Waldgefilde,
So blüht der Fleiß, dem Neid zur Qual,
In deinen Städten sonder Zahl,
Und jeder Kunst Gebilde.

Der deutsche Stamm ist alt und stark,
Voll Hochgefühl und Glauben.
Die Treue ist der Ehre Mark,
Wankt nicht, wenn Stürme schnauben.
Es schafft ein ernster, tiefer Sinn
Dem Herzen solchen Hochgewinn,
Den uns kein Feind kann rauben.

So spotte jeder der Gefahr,
Die Freiheit ruft uns allen.
So will's das Recht und es bleibt wahr,
Wie auch die Lose fallen.
Ja, sinken wir der Übermacht,
So woll'n wir doch zur ew'gen Nacht
Glorreich hinüber wallen.