Karl Joseph Simrock (1802 bis 1876)



Die halbe Flasche

Geschlagen war die blut'ge Schlacht,
Den Wahlplatz räumte Schwedens Macht,
Die Dänen freuen sich des Sieges,
Doch sind der Opfer viel des Krieges:
Beisammen liegen Freund und Feind,
Der grimme Tod hat sie vereint.
Wer aber noch ein Glied mag rühren,
Den wird kein wunder Nachbar spüren:
Erbittert kämpfen zwischen Leichen
Halbtote fort, bis sie erbleichen.

Unter der heilen Sieger Zahl
War auch ein alter Korporal,
Von Ruhm bedeckt und Feindesblut,
Doch schier verschmachtet in der Glut
Des Tages: heiß war's hergegangen,
Und heißer Durst hält ihn befangen.
Die Zunge klebt ihm fest am Gaum,
Umsonst durchspäht er rings den Raum
Nach einem Labetrunk, da schaut
Er neben sich und jubelt laut.
Aus eines toten Dänen Tasche
Blickt eine weingefüllte Flasche.

Die hebt er durstig an den Mund
Und öffnet schon den trocknen Schlund,
Da hört er einen Schweden schrei'n,
Dem eine Kugel nahm das Bein:
"Mir her, beim Himmel, hab' Erbarmen!
Ich sterb'." - Ihn jammerte des Armen,
Und gleich der eignen Not vergessen,
Hat er den Raum zu ihm durchmessen,
Reicht ihm den Trank mit milder Hand.

Da hat der Schwed' den Feind erkannt,
Und Grimm tritt an des Durstes Stelle.
Undankbar schießt der Mordgeselle
Die Flinte nach dem Korporal,
Der sich erbarmt hat seiner Qual.
Doch diesen schützt ein guter Geist,
Der die Kugel andre Wege weis't:
Lebendig steht er vor dem Feind,
Der sich ein Kind des Todes scheint.

"Das hast du nicht umsonst getan!"
Fährt ihn der Däne zürnend an.
Die Flasch' er rasch zum Munde hebt
Und schlürft und schlürft, bis er begräbt
Die Flasche halb in seinen Magen:
"Den Lohn hast du davon getragen,
Siehst du, mit deinem dummen Schießen;
Du solltest sie erst ganz genießen,
Deinen Wunden zu einer Salbe:
Nun aber kriegst du nur die halbe."

Was von den beiden war geschehn,
Ein Dänenhauptmann hat's gesehn;
Dem König eilt er es zu melden,
Bald lohnt ein Adelsbrief den Helden:
"Und eine Flasche halb mit Wein
Erfüllt, das soll sein Wappen sein."


Friedrich der Siegreiche

"Friedrich, auf! Die Felder rauchen,
Volle Scheuern glüh'n im Brand,
Auf! Des Armes zu gebrauchen,
Siegreich bist du ja genannt.

Württemberg und Baden sengen,
Metz und Speyer hausen schlimm,
Eh' sie deine Burg bedrängen,
Triff sie mit der Rache Grimm."

Friedrich hört's, und machtgerüstet
Stürmt er von dem hohen Schloß;
Die schon Heidelbergs gelüstet,
Niederstreckt sie sein Geschoß.

Nieder aus dem Hinterhalte
Streckt sein Speer sie und sein Schwert:
Jetzt die ganze Kraft entfalte,
Stolzer Feind, die Stirn gekehrt!

Biet' ihm Schlacht, der so verwegen
Dich bedroht, ein schwacher Hauf',
Jetzo kannst du ihn erlegen,
Und die Pfalz steht nie mehr auf.

Kämpfend mengen sich die Scharen,
Hier der Rhein, der Neckar dort,
Doch des Kampfgewühls Gefahren
Zähmt des Pfalzgrafs herrschend Wort.

Plötzlich winkt er im Gefechte,
Und auf die beritt'nen Reihn
Rücken seine Lanzenknechte
Mit den langen Dolchen ein.

Schlüpfen unter'n Bauch der Pferde,
Stechen hin und stechen her:
Roß und Reiter stürzt zur Erde
Und erschrocken wankt das Heer.

"Flieht, Verzagte! Nicht entlaufet
Ihr der Schande oder Haft;
Oder freut's euch, so ersaufet
Immerhin in blüh'nder Kraft!

Seht, wie kühl das Wasser ladet;
Hier der Rhein, der Neckar dort!
Streckt die Waffen denn!" Begnadet
Führt er sie zum Schloßberg fort.

"Truchsess auf! Herbei, ihr Schenken!
Rüstet mit das Siegesmahl,
Liege Purpur auf den Bänken,
Reich umhangen sei der Saal.

Hörner sollen laut erschallen,
Weine fließen weiß und rot,
Fisch und Wildbret teilet allen,
Aber Eins gebreche - Brot."

Freundlich lädt er sie zum Mahle:
"Seid willkommen, tut Bescheid,
Edle Herrn, mir im Pokale,
Und im Wein ertränkt das Leid!"

Zwei Bischöfe, beide Grafen:
"Was wir lieben, klinget an!" -
"Wie wir heut im Feld uns trafen,
So besteht mich Mann für Mann.

Sitzt umher, und mög' euch munden,
Was der karge Koch uns trug!
Gern verschönt' ich euch die Stunden,
Widrig ist die Haft genug.

Mag des Sängers Mund indessen
Singen, was ihm Gott gebot.
Fehlt noch was? Ist Salz vergessen?" -
"Nichts, Herr Pfalzgraf, nichts, als Brot!" -

"Brot nur? Truchsess, Brot vergaßt ihr,
Brot ernährt, das schaffet her!" -
"Herr, den letzten Bissen aßt ihr,
Und die Pfalz hat keines mehr." -

"Backet denn und lasset mahlen!" -
"Gnäd'ger Herr, das Korn gebricht." -
"Nun so drescht, ich kann's bezahlen,
Mangeln doch die Gaben nicht." -

"Ja sie mangeln; blicket nieder,
"Scheuern glüh'n, es dampft das Feld." -
"Ackert denn und säet wieder,
Bis der Halm der Sichel fällt!" -

"Just zum Säen fehlt's am Korne,
Auch die Aussaat schlang der Brand;
Alles im vergeb'nen Zorne
Schlang der Feind im Pfälzer Land." -

"Branntet alles ihr zu Kohlen,
So geduldet euch, ihr Herrn!
Fremdes Brot herbeizuholen,
Öffnet ihr die Säckel gern.

Dann bedarf es Korn zum Mahlen,
Korn der Erde zu vertrau'n,
Das auch werdet ihr bezahlen,
Und dem Landmann Hütten bau'n.

Wenn ihr wieder hier im Lande
Ungerechte Kriege führt,
Laßt dem Bauer, pfui der Schande!
Scheu'r und Felder unberührt."