Julius Sturm (1816 bis 1896)



Auf ihre Hand

Du treue Hand, die ohne Beben
Einst meiner Hand so fest vertraut,
Hast mit mir ein zerfall'nes Leben
Zu neuer Schönheit aufgebaut.

Du weiche Hand, in trüben Tagen
Hast du so freundlich mich gepflegt,
Liebreich gesorgt für mein Behagen
Und mir den Pfühl zurecht gelegt.

Du kluge Hand, die Melodien,
Die mir die blüh'nde Lippe singt,
Begleitest du mit Harmonien,
Daß voll das Lied zum Herzen dringt.

Du fromme Hand, in heil'gen Stunden
Hast du die meine sanft gedrückt,
Wenn uns die heiligste der Kunden,
Das treue Gotteswort erquickt.

Du fleiß'ge Hand, die nur zum Dienen
Von früh bis Abend froh bereit,
In dir ist mir das Bild erschienen
Der echten deutschen Weiblichkeit.

D'rum schwärmt auch rastlos mein Gedanke,
Mein Lieb, um deine liebe Hand,
Ein Falter, den die Blütenranke
In ihren Zauberkreis gebannt.


Aus der Kindheit

Ein Hügel war's, wo ich im Gras
Zur Sommerzeit am liebsten saß
Als frohes Kind allein;
Weit um mich her die grüne Au'
Und über mir nur tiefes Blau
Und goldner Sonnenschein.

Da schwärmten Falter mir vorbei,
Und fleiß'ge Bienen summten frei
Mir um das blonde Haar.
Goldkäfer stellten oft sich ein,
Und Grillen musizierten fein
Zum Tanz der Mückenschar.

Und wenn der Tag zu Rüste ging,
Wie selig da mein Auge hing
An Wolken, goldumsäumt!
O, das war tiefe Poesie, -
So lebensvolle, wie ich nie -
Mir je als Mann erträumt.


Der Bauer und sein Kind

Der Bauer steht vor seinem Feld
Und zieht die Stirne kraus in Falten:
"Ich hab' den Acker wohl bestellt,
Auf reine Aussaat streng gehalten;
Nun seh' mir eins das Unkraut an!
Das hat der böse Feind getan."

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,
Mit bunten Blüten reich beladen;
Im Felde hat er sie gepflückt,
Kornblumen sind es, Mohn und Raden;
Er jauchzt: "Sieh, Vater, nur die Pracht!
Die hat der liebe Gott gemacht."


"Der liebe Gott ist tot"

Bei Meister Martin war die Not zu Haus,
Aus jedem Winkel guckte sie heraus,
Sie machte sich in Küch' und Keller breit,
Sie aß am leeren Tisch zur Mittagszeit
Und legte selbst am Abend schadenfroh
Sich mit den Müden auf die Schütte Stroh.
Und ob's der Meister noch so emsig trieb,
Arbeitend halbe Nächte munter blieb,
Umsonst, es wuchs die Not mit jedem Tag,
Und mutlos ward der Meister allgemach,
Ließ ruhn die fleiß'ge Hand und seufzte schwer
Und wankte wie ein Schatten bleich umher.
Und mahnte ihn sein Weib, auf Gott zu trau'n,
Zog er zusammen finstrer noch die Brau'n
Und brummte: "Weib, laß mir das Trösten sein,
Uns kann vom Elend nur der Tod befrei'n."
Da schwieg die Frau und sprach kein Wörtlein mehr
Und wankte wie ein Schatten bleich umher,
Saß müßig an dem Rocken stundenlang
Tief in Gedanken still und seufzte bang.
Da sprach der Mann: "Was fehlt dir nur, Marie?"
Und als sie schwieg, drang er noch mehr in sie,
Sie solle ihm ihr Leiden doch gestehn,
Er könne sie nicht mehr so traurig sehn.
Und sie darauf: "Ach, in verwichner Nacht
Hat mir ein Traum das Herz so schwer gemacht!
Ja, bester Mann, ich will dir's nur gestehn,
Ich hab' im Traum den lieben Gott gesehn,
Er lag im Sarg, sein Haar war silberweiß,
Und weinend standen Engel rings im Kreis;
Der Helfer starb, nie endet unsre Not,
Der liebe Gott, - der liebe Gott ist tot."
Da lächelte der Mann nach langer Zeit
Zum ersten Mal und sprach mit Freundlichkeit:
"Ei, ei, Marie, wie du so töricht bist!
Weißt du denn nicht, daß Gott unsterblich ist,
Daß er, erhaben über Raum und Zeit,
Regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit?"
"Wie?" - sprach die Frau - "so glaubst du, lieber Mann,
Daß Gott im Himmel niemals sterben kann,
Daß er derselbe bleibet fort und fort,
Und wählest ihn doch nicht zu deinem Hort,
Und setzest deine Hoffnung nicht auf ihn,
Des Hilfe stets zur rechten Zeit erschien?"
Da fiel's wie Schuppen von des Mannes Geist.
"Ja, Gott ist treu, er hält, was er verheißt!
Dank, liebes Weib, du wecktest mein Vertraun,
Auf Gottes Hilfe will ich freudig baun,
Und zag' ich jemals wieder in der Not,
Dann frag' mich nur: "Ist denn der Herrgott tot?"


Der Wanderbursch

Ein duftig Sträußlein auf dem Hut
Und frischer Mut und junges Blut,
So läßt sich's fröhlich wandern;
Das Sträußlein kam von ihrer Hand
Und um den Hut das grüne Band
Kam auch von keiner andern.

Und übers Jahr, o Lieb', o Glück!
Kehr' ich mit Strauß und Band zurück,
Daß sich ihr Herz dran freue.
Und ist verwelkt der frische Strauß
Und wusch das Band der Regen aus,
Hielt Farbe doch die Treue.


Der Wanderer

Ein Wanderer schreitet durch die Nacht,
Sein Auge sucht die Sterne;
Der Heimat hat er still gedacht
In weiter, weiter Ferne;
Das Herz schlägt ihm so sehnsuchtsbang,
Er lauscht, ein fernes Glöcklein klang,
Das mahnet ernst zum Beten.

Und vorwärts eilt er, näher schon
Hört er die Glocke schlagen,
Ihm klingt so heimatlich der Ton
Wie in den gold'nen Tagen,
Wo er, ein Kind an Mutterhand,
Zum Dom gewallt im Festgewand,
Zu singen und zu beten.

Und schmerzlich ist sein Herz entbrannt,
Er fühlt, was er verloren,
Seit er von Gott sich abgewandt
Und sich die Welt erkoren.
Und wie er seufzt: "Erbarme dich!"
Ist ihm, als hört' er neben sich
Die Mutter leise beten.


Die junge Mutter

Der Knabe weint, die Mutter legt
Den holden Liebling auf die Kissen;
Doch er, vom Weinen aufgeregt,
Will nichts von Rast und Schlummer wissen.

Da singt die Mutter Lied um Lied,
Und immer süßer wird die Weise,
Und um das kleine Bettchen zieht
Der Schlummer seine Zauberkreise.

Und wie die Weise sanft verklingt,
Wird immer leiser auch das Weinen,
Bis am geschloss'nen Auge blinkt
Die stumme Träne nur den Kleinen.

Bald spiegelt auch ein lichter Traum
Sich in den klaren Zügen wieder,
Die Mutter aber atmet kaum
Und beugt sich zu dem Liebling nieder;

Mit scheuem Finger hüllt sie dicht
Den Schläfer in die warmen Decken,
Sie möchte' ihn küssen, wagt es nicht
Aus Furcht, ihn mit dem Kuß zu wecken.

Sie blickt ihn lange selig an,
Und geht dann fort und kehret wieder,
Und tut, was sie nicht lassen kann,
Und neigt sich küssend zu ihm nieder;

Und sinkt, von Dankgefühl durchweht,
Auf ihre Knie am kleinen Bette,
Und spricht ein inniges Gebet,
Und sucht dann selbst die Schlummerstätte.


Fern von dir, o Welt

Daß, o Welt, o laß mich sein!
Zieh' mich nicht in deine Kreise;
Laß mich, fern von dir, allein
Leben still nach meiner Weise.

Locket nicht mit Liebesgaben,
Denn sie reizen mich nicht mehr,
Lust und Leid hab' ich begraben
Tief in einem stillen Meer.

Laßt dies Herz alleine haben,
Was ihm einzig lieb und wert,
Was, o Welt, statt deiner Gaben
Ihm ein güt'ger Gott beschert.

Seine Wonne, seine Pein
Hat's um heil'gen Gottesfrieden
Eingetaucht, und stille sein
Ist sein höchstes Glück hienieden.


Frühling der Liebe

Rosen, die die Luft mit Düften würzen,
Halme, die im Wind sich flüsternd neigen,
Quellen, die ins Tal sich rauschend stürzen,
Lerchen, die zum Himmel jubelnd steigen,
Junge Herzen, reich an Liebeswonne,
Über allen hoch die Frühlingssonne:
Tretet ein, geöffnet sind die Pforten,
Und ein Paradies ist aller Orten!


Gott grüße dich!

Gott grüße dich! Kein andrer Gruß
Gleicht dem an Innigkeit.
Gott grüße dich! Kein andrer Gruß
Paßt so zu aller Zeit.

Gott grüße dich! Wenn dieser Gruß
So recht vom Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß
So viel wie ein Gebet.


Im Frühling

Der Frühling kam, der Frühling rief
Vom Berg in's Tal hinunter:
"Wär' euer Schlaf auch noch so tief,
Ihr Schläfer, werdet munter!"

Da regten tausend Keime sich
Und wurden stark und stärker,
Und dehnten sich und streckten sich
Und sprengten ihre Kerker.

Da traten Blätter zart und weich
Aus kleinen braunen Wiegen,
Um schüchtern an den schlanken Zweig
Sich innig anzuschmiegen.

Da sprang Schneeglöckchen pfeilgeschwind
Aus seinem grünen Bette;
Es glaubte schon das schöne Kind,
Daß es verschlafen hätte.

Da öffneten sich allzumal
Die Särge der Winterschläfer;
Da spielten in der Sonne Strahl
Die Mücken und die Käfer.

Da wurden auch die Veilchen wach,
Die tief im Grase wohnen,
Und bunte Primeln folgten nach
Und weiße Anemonen.

Da fing mein Herz zu klopfen an,
So schmerzlich und so bange;
Ein Strom von bittern Tränen rann
Heiß über meine Wange.

Der Lieben hab' ich still gedacht,
Die grüne Hügel decken,
Und die der Lenz mit seiner Macht
Nicht kann vom Schlaf erwecken.


O pflegt das Heimgefühl in euren Kindern

Den preis' ich glücklich, der am eignen Herd
Genüge fand, und dem mit lautem Schlage
Das Herz tief in der Brust klopft, wenn ihm winkt
Des festgebauten Hauses blanker Giebel;
Ihm wird das Kleinste lieb, weil sich um alles,
Dem Efeu gleich, Erinn'rung freundlich rankt.
O pflegt das Heimgefühl in euren Kindern,
Und nährt ihn ihnen jenen stillen Sinn,
Durch den das vielbewegte Menschenherz
Zusammenwächst mit unscheinbaren Dingen,
Mit Kleinigkeiten, die die Welt verlacht.
Es drängt und treibt der Geist der Zeit nach außen,
Und rastlos jagen viele durch die Welt,
Nach neuen Reisen täglich neu verlangend,
Und ehe sich das Herz erschloß zur Blüte
Verwelkt es kümmerlich in kalter Brust.
Wer heimisch sich in seinem Hause fühlt,
Der fliegt nur gleich den Bienen in die Weite,
Um Honig einzusammeln für die Zelle
Und des erworb'nen Schatzes sich zu freu'n;
Auch wird nur der ein tüchtig Glied des Ganzen,
Der seine Kräfte übt im kleinen Kreis
Und frei sich fügen lernt in enge Schranken.
O pflegt das Heimgefühl in euren Kindern,
Der Tugend beste Pflanzstatt bleibt das Haus.


Zum Ziele

Keiner kann im leichten Spiel
Dieses Lebens Preis erjagen;
Fest ins Auge fass' dein Ziel,
Bis die Pulse höher schlagen
Und sich dir an Fuß und Hand
Wieder straff die Sehne spannt.

Und so wandre Schritt für Schritt
Den Gefahren kühn entgegen;
Hoch das Haupt und fest der Tritt
Und im Herzen Gottes Segen,
Auf der Stirn des Kampfes Schweiß:
So gewinnest du den Preis.